Impfen bei Immundefizienz

  1. 4/2019 Anwendungshinweise zu den von der STIKO empfohlenen Impfungen. Impfen bei Autoimmunkrankheiten, bei anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen und unter immunmodulatorischer Therapie: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00103-019-02905-1.pdf
  2. 10/19 Impfen bei immunsupprimierten Patienten: https://www.kvb.de/fileadmin/kvb/dokumente/Presse/Publikation/KVB-FORUM/FORUM-2019-10/KVB-FORUM-10-2019-Titelthema-Impfen.pdf
  3. 04/19 GZIM: Praxisinformation-Immunsuppression: https://www.gzim.de/images/Docs/Praxis-Info-Immunsuppression.pdf

Studienergebnisse belegen, dass Impfquote bei immunsupprimierten Menschen insgesamt viel zu niedrig liegen, teils deutlich unter den bekannten Impfquoten von Standardimpfungen.

Ursachen für Impfdefizite:

  • Verunsicherung aufgrund komplexer Impfschemata
  • Zurückhaltung und Sorge bei immunsupprimierten Pat. (Unzureichende Wirkung, unklarer Impfzeitpunkt, Auslösung vom Krankheitsschüben)
  • Mangelnde Abstimmung/Informationsaustausch zwischen Haus- und Fachärzten
  • Unsicherheit wegen STIKO-Begriff Immundefizienz

Kernaussagen

  1. Personen mit Autoimmunkrankheiten, chronisch-entzündlichen Erkrankungen bzw. unter immunmodulatorischer Therapie haben ein erhöhtes Infektionsrisiko.
  2. Impfpräventable Infektionen können bei nicht-geimpften Personen mit Autoimmunkrankheiten oder chronisch- entzündlichen Erkrankungen Morbidität und Mortalität erhöhen.
  3. Impfungen können das Risiko für infektionen getriggerte Schübe verringern.
  4. Für keinen der derzeit in Deutschland zugelassenen Tot- oder Lebend Impfstoffe existieren Studien, die einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Impfung und einer neu aufgetretenen Autoimmunkrankheit bzw. chronisch-entzündlichen Erkrankung oder einem Schub einer solchen bereits bestehenden Erkrankung belegen.

Allgemeine Merksätze für Impfung bei Autoimmun-/chronisch-entzündlichen Erkrankungen bzw. Unter immunmodulatorischer Therapie:

  • Totimpfstoffe können grundsätzlich angewendet werden, es besteht kein erhöhtes Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen. Unter immunsuppressiver Therapie ist die Gabe von Totimpfstoffen möglich, vorzuziehen ist aber der Abschluss einer Impfserie vor Therapiebeginn (Impferfolg ist eventuell eingeschränkt, serologische Kontrolle ist zu erwägen).
  • Eine Lebendimpfstoff-Gabe vor Therapiebeginn ist möglich bei zeitlichem Abstand von in der Regel mindestens vier, bei geringgradig immunsuppressiver Wirkung zwei Wochen; vor Alemtuzumab- oder Ocrelizumab-Therapie aber mindestens sechs Wochen.
  • Während der Therapie mit Immunsuppressiva sollte nicht mit Lebendimpfstoffen geimpft werden. Ausnahmen nur unter individueller Risiko-Nutzen- Abwägung und Beachtung der Fachinformationen (Arzneimittel/Impfstoff) im begründeten Einzelfall.
  • Enge Kontaktpersonen sollten entsprechend der STIKO-Empfehlungen vollständig geimpft sein. Dies beinhaltet die jährliche Influenza-Impfung bei im selben Haushalt Lebenden und bei betreuendem med. Personal.

Orientierende Einordnung des Grades der Immunsuppression—-> s. Tabelle 1 im 1) Dokument

  • Keine relevante Immunsuppression verursachen Hydroxychloroquin, Sulfasalazin, Mesalazin, Glatirameracetat und Typ I-Interferone (IFN)
  • Geringgradige immunsuppressive Wirkung: niedrig dosierte Glukokortikoidtherapie (<10 mg Prednisolonäquivalent/Tag, Kurzzeittherapie (<2 Wochen), und Niedrigdosierte Basistherapeutika wie Methotrexat (<20 mg/Woche), Ciclosporin, Leflunomid, Mycophenolat-Mofetil
  • Therapien mit schwerer Immunsuppression: Hochdosis-Glucokorticoid-Therapie, Hochdosierte Basistherapeutika, Azathioprin, Biologika mit schwerer Immunsupressiver Wirkung

Tabelle mit wichtigen/häufigen immunsupprimierenden Medikamenten mit zu berücksichtigenden Impfabständen und Empfehlungen—> s. Tabelle 2 im 1) Dokument oder auch Tabelle Seite 7 Dokument 2)

Indikationsimpfungen bei vorliegender Immunsuppression:

  • Influenza: für alle Altersgruppen jährlich (Studie zeigt Pausieren der MTX Gabe 2 Wochen vor und nach der Impfung verbessert Immunantwort ohne SChub der Grunderkrankung auszulösen)
  • Pneumokokken: möglichst vor Beginn Immunsuppression, für bessere Immunantwort sequentielle Impfung (PCV13 gefolgt von PCV23 nach 6-12 Monaten), Auffrischung alle 6 Jahre mit PCV23;
  • Meningokokken-ACWY und B entsprechend der STIKO-Empfehlung (v.a. Asplenie, Komplement-/Properdindefizienz, Eculizumab-Therapie, Hypogammaglobulinämie)
  • Herpes Zoster: für alle Risikopersonen unter Immunsuppression ab 50 Jahre, vorher Test auf Varizellen, bei Seronegativität: Varizellenimpfung (Impfung ist nur nach durchgemachten Windpocken, auch subklinischen wirksam)

Dokument 3) enthält Beispiel für Laufzettel (Kopiervorlage) für die direkte Patienteninformation, damit kann sich der Patient beim Facharzt Diagnose/Therapie und Impfindikationen eintragen lassen und damit beim versorgenden Hausarzt fehlende Impfungen durchführen lassen.

Tipp: in Praxissystem Dauerdiagnose ‚D90‘ eintragen, erzeugt bei Nutzung von Impfsoftware einen Impfplan für Immunsupprimierte, der individuell noch angepasst werden muss.

Fazit:

Totimpfstoffe gehen immer. Lebendimpfstoffe sind während der Immuntherapie kontraindiziert. Sie sollten vor der Therapie gegeben werden. Die Angehörigen sollten ausreichend geimpft sein.

Fazit Regen:

Warum müssen wir hier denn vorher mit Varizellen impfen, bevor wir Zoster impfen?
Kann man bei Immunsupprimierten überhaupt eine humorale Immunantwort feststellen?
Vor allem daran denken, dass man Immunsupprimierte impfen darf!

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