Alkoholkrankheit: Gabapentin vermindert Entzugssymptome und erleichtert Erreichen von Abstinenz

Dtsch Arztebl 2020; 117(14): A-720 / B-611

Circa 3,4 % der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland sind alkoholabhängig: 4,8 % der Männer und 2,0 % der Frauen (1). Das Verlangen (Craving) nach Alkohol wird über Dopamin- und Opiatrezeptoren im Belohnungssystem vermittelt. Viele Alkoholiker trinken auch, um Entzugssymptome zu lindern, bei denen GABAerge Neurone von Bedeutung sind. Auf diese wirkt Gabapentin ein. Es ist als Mittel gegen die Alkoholkrankheit in der Diskussion, aber die Datenlage ist unklar.

Nun liegen Ergebnisse einer prospektiven randomisierten, placebokontrollierten Studie vor bei Patienten mit Entzugssymptomen (2). Sie erfüllten im Durchschnitt 4,5 von 8 der DSM-5-Kriterien wie autonome Hyperaktivität, Tachykardie, psychomotorische Unruhe, Handzittern oder Schlaflosigkeit. Weitere Bedingung zur Studienteilnahme war ein Beleg der Motivation: Die Patienten mussten vor Beginn mindestens 3 Tage abstinent gewesen sein.

Von 90 Patienten lagen komplette Daten vor. Sie hatten randomisiert entweder für 16 Wochen Gabapentin (≤ 1 200 mg/Tag) erhalten oder Placebo. Alle nahmen an 9 Sitzungen teil, in denen sie darin bestärkt wurden, möglichst komplett auf Alkohol zu verzichten. Primärer Endpunkt war der Verzicht auf starken Alkoholkonsum (≥ 4 Drinks täglich für Frauen, ≥ 5 für Männer). Vor Studienbeginn hatten die Teilnehmer im Durchschnitt 11 Drinks täglich zu sich genommen, an 83 % der Tage waren die Kriterien für einen starken Alkoholkonsum erfüllt.

Den primären Endpunkt erreichten in der Gabapentingruppe 12 von 44 Teilnehmern (27 %), in der Placebogruppe waren es 6 von 46 (13 %). Die Differenz von 14,2 Prozentpunkten verfehlte wegen eines breiten Konfidenzintervalls knapp das Signifikanzniveau.

Wurde als Laborparameter das kohlenhydratdefiziente Transferrin (CDT) hinzugenommen – die CDT-Werte steigen bei anhaltendem Alkoholkonsum –, erhöhte sich die Differenz zwischen den Gruppen auf 18,6 Prozentpunkte und erreichte Signifikanz. Damit kam statistisch auf 5,4 behandelte Patienten 1 Patient, der durch die Therapie auf starken Alkoholkonsum verzichtete (Number needed to Treat; NNT).

Unter Gabapentin schafften es 8 von 44 Teilnehmern (18 %), 16 Wochen lang völlig auf Alkohol zu verzichten, gegenüber 2 von 46 Teilnehmern (4 %) im Placeboarm. Die Differenz von 13,8 Prozentpunkten war statistisch signifikant (p = 0,04), die NNT betrug 6,2. Am besten waren die Ergebnisse bei Patienten mit mehr als 8 Entzugssymptomen. Die NNT für einen Verzicht auf starkes Trinken betrug 3,1 und für die totale Abstinenz 2,7.
Die Behandlung wurde gut vertragen. Patienten unter Gabapentin berichteten etwas häufiger über Schwindelgefühle als bei Placebo, dies war jedoch nicht therapierelevant.

Fazit: Eine prospektive randomisierte kontrollierte Studie weist darauf hin, dass das Antiepileptikum Gabapentin motivierten Alkoholkranken hilft, den Alkoholkonsum zumindest zu senken oder auch Abstinenz zu erreichen.

Fazit:

Das Antiepileptikum Gabapentin hilft motivierten Alkoholkranken, den Alkoholkonsum zumindest zu senken oder auch Abstinenz zu erreichen.