Herzrhythmusstörungen unter Ginkgo Biloba

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HERZRHYTHMUSSTÖRUNGEN UNTER GINKGO BILOBA (TEBONIN, GENERIKA)
Arznei-telegramm 08/20

Im aktuellen WHO Pharmaceuticals Newsletter wird über ein Risikosignal für Herzrhythmusstörungen unter Ginkgo-biloba-Extrakten (TEBONIN, Generika) berichtet,1 die hierzulande rezeptfrei als Arzneimittel unter anderem bei Gedächtnisstörungen, Claudicatio intermittens und Tinnitus sowie als Nahrungsergänzungsmittel angeboten werden. Hintergrund sind 162 Verdachtsmeldungen, die der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis September 2019 zu Ginkgo-Monopräparaten* zugegangen sind. In 92 Berichten (57%) ist Ginkgo biloba der einzige verdächtigte Auslöser. Am häufigsten werden Palpitationen (n = 67), Tachykardie (24), Bewusstseinsverlust (14), Synkope (13), Bradykardie (10), Arrhythmie (9) und Vorhofflimmern (8) als unerwünschte Wirkungen genannt. Schwindel, sowohl potenzielle Indikation für die Anwendung als auch bekannte häufige Störwirkung des Pflanzenextrakts, wird dabei nicht als mögliches Symptom von Rhythmusstörungen berücksichtigt.1

*Fälschlich mitausgewertet wurde ein Patient, der ein Kombinationspräparat mit dem Psychostimulans Vinpocetin (außer Handel: CAVINTON) eingenommen hat.

In 55 Berichten (34%) wird die unerwünschte Wirkung von den Meldern als schwer eingestuft, bei 4 als lebensbedrohlich, 7 Patienten sterben. Bei der Mehrzahl fehlen allerdings Angaben zum weiteren Verlauf. Bei 37 (80%) von 46 Patienten, bei denen Absetzen oder Dosisreduktion dokumentiert ist, wird in der Folge ein Sistieren der Störwirkung, bei 2 eine Besserung beschrieben (keine Besserung: 1, unbekannt: 6). Nach Ansicht der Autoren ist jedoch ein Confounding by indication (vgl. a-t 2012; 43: 73) nicht auszuschließen, da vorbestehende Arrhythmien auch Symptome wie Tinnitus (in 18 Berichten als Indikation dokumentiert) auslösen können, die wiederum als möglicher Grund für die Anwendung von Ginkgo-Präparaten infrage kommen.1

Denkbar ist allerdings auch eine Verschlechterung vorbestehender Rhythmusstörungen, wie beispielsweise in einem Bericht aus der Literatur: Ein 72-Jähriger mit ischämischer Kardiomyopathie leidet unter Standardbehandlung unter anderem mit Bisoprolol (CONCOR, Generika) und nach Implantation eines Kardioverter-Defibrillators (ICD) nur sporadisch unter ventrikulären Tachykardien. Bei Auslesen des ICD drei Wochen nach Beginn der Einnahme von täglich 120 mg Ginkgo biloba wegen Tinnitus zeigt sich eine deutliche Zunahme der Tachykardie-Episoden auf bis zu 33 pro Tag in den letzten zehn Tagen. Nach Absetzen stellt sich der vorherige Zustand wieder ein.2 Zudem werden in anderen Berichten drei zuvor herzgesunde Personen zwischen 35 und 49 Jahren beschrieben, die unter täglich 120 mg bis 240 mg Ginkgo biloba Rhythmusstörungen entwickeln, die jeweils nach Absetzen verschwinden bzw. sich im Beobachtungszeitraum deutlich bessern.3-5 Bei einem der Betroffenen treten sie bei erneuter Einnahme wieder auf.3 Zell- und Gewebestudien finden teils Hinweise auf arrhythmogene, teils auf antiarrhythmische Wirkungen von Ginkgo-Extrakten.z.B.6,7

Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der europäischen Arzneimittelbehörde EMA sichtete für die Erstellung einer Monografie zur wissenschaftlichen Beurteilung von Extrakten aus Ginkgo-biloba-Blättern nationale Produktinformationen von Ginkgo-Präparaten, die in verschiedenen EU-Staaten angebotenen wurden, darunter mehrere, in denen Palpitationen und/oder Arrhythmie als mögliche Störwirkungen erwähnt sind.8 In der abschließenden Publikation, die bei Zulassungsverfahren solcher Präparate zu berücksichtigen ist,9 sind diese unerwünschten Wirkungen jedoch nicht aufgeführt, ebenso wenig in hiesigen Fachinformationen.10

Die Nutzen-Schaden-Bilanz von Ginkgo bewerten wir aufgrund inkonsistenter Nutzendaten und bekannter Störwirkungen wie Blutungen an Organen, Kopfschmerzen, Schwindel und allergischen Reaktionen bereits seit Langem als negativ (z.B. a-t 2002; 33: 95, 2009; 40: 29-30 und 2017; 48: 1-2). Bei Verschlechterung oder Neuauftreten von Herzrhythmusstörungen sollte unseres Erachtens gezielt nach der Einnahme von Ginkgo-biloba-Präparaten – auch als Nahrungsergänzungsmittel – gefragt werden, –Red.

Fazit:

Wir nutzen Ginko nicht.

Fazit Regen:

Man sollte mit größerer Vorsicht das Präparat einsetzen – wenn überhaupt. Oder als OTC-Präparat beim Medikamentenplan abfragen.