Chronischer Bauchwandschmerz – Ein weithin unbekanntes Krankheitsbild (ÜBERSICHTSARBEIT)

Herbert Koop, Simona Koprdova, Christine Schürmann

ZUSAMMENFASSUNG

Hintergrund: Das Krankheitsbild des chronischen Bauchwandschmerzes ist weitgehend unbekannt, obwohl es eine relevante Differenzialdiagnose bei Bauchschmerzen darstellt.

Methodik: Es erfolgte eine selektive Literaturrecherche in PubMed und EMBASE mit den Suchbegriffen „abdominal wall pain“ und „cutaneous nerve entrapment syndrome“. Eigene klinische Erfahrungen wurden berücksichtigt.

Ergebnisse: Chronischen Bauchschmerzen liegt in 2–3 % der Fälle ein Bauchwandschmerz zugrunde; in vordiagnostizierten Fällen ohne erkennbare Pathologie steigt die Prävalenz auf bis zu 30 %. Bisher existieren nur wenige kontrollierte Studien zu dieser Krankheitsentität. Die Diagnose wird klinisch mit Hilfe des Carnett-Tests gestellt. Das Beschwerdebild ist gekennzeichnet durch streng lokalisierte Schmerzen in der vorderen Bauchwand, die häufig als funktionelle Abdominalbeschwerden missgedeutet werden. Eine in das Schmerzareal applizierte Injektion von Lokalanästhetika kombiniert mit Steroiden erwies sich in einer Studie bei 95 % der Patienten für 4 Wochen als erfolgreich. Durch ausschließliche Applikation von Lidocain wurde in 83–91 % der Fälle eine Besserung erzielt. Langfristige Beschwerdefreiheit erreichten nach einmaliger Lidocain-Injektion 20–30 % der Patienten, nach wiederholter Behandlung stieg der Anteil auf 40–50 %, nach kombinierter Injektion von Lidocain und Steroiden bis zu 80 %. Therapierefraktäre Fälle konnten operativ mittels Neurektomie versorgt werden.

Schlussfolgerung: Chronische Bauchwandschmerzen sind durch eine klinische Untersuchung einfach zu diagnostizieren und oft rasch zu therapieren. Jeder Arzt, der Patienten mit Bauchbeschwerden behandelt, sollte diese Erkrankung kennen. Weitere vergleichende Therapiestudien sind notwendig, um einen gesicherten Behandlungsalgorithmus zu etablieren.

Koop H, Koprdova S, Schürmann C: Chronic abdominal wall pain—a poorly recognized clinical problem. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 51–7 . DOI: 10.3238/arztebl.2016.0051

Sarah: Im Rahmen des SemiWAM Bauchschmerz am 27.01.2021 wurden wir auf dieses Krankheitsbild und diese Übersichtsarbeit des deutschen Ärzteblatts hingewiesen. Ich bin fasziniert, weil ich davon noch nie gehört hatte, aber bei manchen Patienten retrospektiv vermute, dass das ihr Problem sein könnte. Den Carnett-Test (Verstärkung/Gleichbleiben der Schmerzen bei Anspannen der Bauchdecke durch Anheben von Oberkörper oder Beinen = positiv) habe ich jetzt auch schon an Patienten ausprobiert. Noch nicht klar ist mir, wie die Therapie genau aussieht. Das Lokalanästhetikum (+/- Steroid) soll in den Triggerpunkt injiziert werden: also i.m.? Habt ihr damit Erfahrung? Habt ihr insgesamt schon Berührungspunkte mit diesem Krankheitsbild gehabt?

Fazit:

Offensichtlich muss man daran denken. Und probatorisch kann man es mit Lidocain versuchen. Oder zum Schmerztherapeuten schicken.

Fazit Regen:

Es kann auch eine Pathologie des Ilio-psoas vorliegen. Erklären reicht auf aus.